Essays

  • Der böse Traum vom gereinigten Deutschland

    Woran will Bundeskanzler Merz eigentlich das irregulär Migrantische erkennen? Seine Äußerungen zum deutschen Stadtbild sind menschenverachtend.   In einer der Nächte nach Friedrich Merz‘ Auftritt in Brandenburg, bei dem er seine Sorge um das deutsche „Stadtbild“ mit der Öffentlichkeit teilte, hatte ich einen Traum. Uniformierte Frauen standen vor meiner Tür und erklärten, ich dürfe mir…

  • Kafka gelesen: Gay Literacy

    „Du magst meine Schwester?“ „Nein, nicht mein Typ.“ „Und auf wen stehst du?“ „Auf jemanden, der Kafka liest.“   Ich flog mit 900 km/h über den Atlantik, als sich die Protagonisten von Of An Age, Adam und Kol, relativ spät im Lauf des Films, küssten. Der Flug nach New York dauert von Berlin aus drei bis vier…

  • Rede im Kanzleramt

    … Das gegenwärtige gesellschaftliche Klima treibt die Akteur*innen unseres Theaters auseinander. Das ist fatal, denn das dient nur den Feinden der Demokratie. Darum glaube ich, dass es unbedingt notwendig ist, zusammen zu bleiben, und ich glaube, dass Kunst und Kultur der Ort sein könnte, der alle beherbergen kann und auch muss. Weil Kunst und Kultur ein Ort des Humanismus ist. Und…

  • Dankesrede anlässlich des Kleistpreises

    … Mit der Dichterin M saß ich dieses Jahr für meinen Großvater Shiva. Genaugenommen war es eine sowjetische (oder zumindest meine sowjetische) Version des jüdischen Brauchs des Trauer-Sitzens: Wir tranken Rotwein auf dem Balkon, aßen Butterbrote, fluchten, und ich erzählte, wie Danja, mein Großvater, vom Schrecken über den 7. Oktober 2023 niedergestreckt worden war. Drei Schlaganfälle nach…

  • Laudatio auf Serhij Zhadan anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2024

    In James Baldwins Essay Der Kampf des Künstlers um Wahrhaftigkeit finden wir die folgende Zeile: „Dichter (und damit meine ich alle Kunstschaffenden) sind letztlich die Einzigen, die die Wahrheit über uns wissen. Nicht die Soldaten. Nicht die Staatsmänner. Nicht die Priester. … Nur Dichter.“ Künstler*innen besitzen zwar eine gesellschaftliche Verantwortung, doch: Sie stellen sich zu…

  • Laudatio auf Maria Stepnaova und Olga Radetzkaja anlässlich des Brücke-Preises 2020

    Ich habe diesen Text bereits zweimal begonnen: Zum ersten Mal im Sommer 2020, als die Brücke-Preis-Jury mich anfragte, auf eine der größten Autorinnen unserer Zeit, Maria Stepanova, und auf die Übersetzerin Olga Radetzkaja, deren Arbeit ich so sehr bewundere, eine Laudatio zu halten. Damals hofften wir, allen Warnungen zum Trotz, dass dieses elende Virus nach…

  • Der Große Hunger und das lange Schweigen

    »Geheimnisse« nennt sich ein ukrainisches Spiel, bei dem Kinder ein Loch in die Erde buddeln, alles Bunte hineinwerfen, was sie finden können – blühende Blumen, glänzende Steine, grelle Haargummis, schimmernde Puppenkleidung –, dann legen sie eine Glasscheibe über die Grube, bedecken sie mit Erde und laufen davon. Erst wenn sie sich unbeobachtet fühlen, keh ren…